Hendrik Lambertus

Buchautor & Weltenbastler

Fantasy

Zwillingsblut – der Kampf der Zwerge

Titelbild Zwillingsblut – der Kampf der Zwerge

Dunkelheit überzieht das Land, und die Horden des Ketten­fürsten marschieren, um auch noch die letzten freien Länder der Menschen, Elben und Zwerge zu unter­werfen. Die einzige Hoffnung ist ein Orakel­spruch: Er berichtet von Zwil­lingen, die die Ketten des Fürsten sprengen werden, um ihn zu besiegen.

Im unter­irdischen Zwergen­reich Tokrond leben der stille Runen­schmied Gorin und seine drauf­gängerische Zwillings­schwester Galdra. Die geheim­nis­volle Winter­seherin verrät ihnen eines Tages, dass ihnen die große Aufgabe zuteil würde. Doch nicht nur Gorin und Galdra könn­ten die ange­kün­digten Erlöser sein – und die Zeit arbeitet gegen sie…

ISBN

978-3404209101

Verlag

Bastei Lübbe

Preis

15,00 €

Zwillingsblut – die Magie der Elben

Titelbild Zwillingsblut – die Magie der Elben

Die Zwergen-Zwillinge Gorin und Galdra und die Elben-Geschwister Elyami und Elyamur haben beim Versuch, die Welt vom Joch des Ketten­fürsten zu befreien, einen Rück­schlag erlitten. Doch aufzu­geben kommt nicht in Frage. Gemeinsam fassen sie den Plan, eine mäch­tige Waffe zu schmieden. Dafür müssen die Geschwister zu den vier Quellen der Ele­mente reisen, um dort jeweils eine Auf­gabe zu erfüllen und so die Essenz des Elements zu gewinnen. Eine jede dieser Aufga­ben wird einen der Helden besonders auf die Probe stellen…

ISBN

978-3404209361

Verlag

Bastei Lübbe

Preis

16,00 €

Zwillingsblut – der Zorn der Orks

Titelbild Zwillingsblut – der Zorn der Orks

Die Tore der Unter­welt stehen weit offen. Dunkel­heit überzieht das Land, und der Ketten­fürst gebietet über die einst freien Völker. Die letzte Hoffnung ist eine Prophe­zeihung: Sie berichtet von Zwil­lingen, die den dunklen Herr­scher besiegen werden. Doch auch der Ketten­fürst kennt den Orakel­spruch und stößt seine gefähr­lichsten Gegner – die Zwergen­zwillinge Gorin und Galdra und die Elben Elyami und Elya­mur – in den tiefsten Abgrund der Unter­welt. Als sie endlich von dort ent­kommen, haben sich die Sterb­lichen Lande auf schreck­liche Weise verändert. Doch aufzu­geben kommt nicht infrage…

ISBN

978-3-404-20951-4

Verlag

Bastei Lübbe

Preis

16,00 €

Historische Romane

Das Erbe der Altendiecks

Titelbild Das Erbe der Altendiecks

Die Geschichte einer Familie. Die Chronik einer Stadt. Das Bild einer Epoche.

Bremen im 18. Jahrhundert: Die Altendiecks sind eine der angesehensten Handwerksfamilien der Stadt. Sie stellen kunstvolle Uhren für Ratsherren, Kaufleute und Seekapitäne her. Doch das einzig Beständige im Lauf der Zeit ist der Wandel. Der Niedergang des Geschäfts unter Johann Altendieck. Der Aufstieg unter seiner Tochter Gesche, bezahlt mit großen persönlichen Opfern. Die napoleonische Zeit, an der Gesches Sohn Nikolaus beinahe zerbricht. Und die neuen Ideen von Freiheit und Gleichheit, an denen Gesches Enkel Ernst Theodor sich berauscht – und die ganze Familie in Gefahr bringt.

ISBN

978-3499276088

Verlag

Rowohlt

Preis

12,00 €

Für Kinder und Jugendliche

Nicodemus Faust und das Haus der 100 Schlüssel

Titelbild Nicodemus Faust und das Haus der 100 Schlüssel

Nicodemus Faust ist zehn Jahre alt und überhaupt nicht begeistert davon, dass er die Ferien bei seinem kauzi­gen Onkel Erasmus in dessen staubiger alter Villa verbringen muss. Doch dann sieht Nicodemus im Garten einen Leo­parden, der wie ein Mensch auf den Hinter­beinen geht, ein geheim­nis­voller Drachen­ring öffnet ihm wie von Zauber­hand verschlos­sene Türen und in einem Hinter­zimmer hört er Hilfe­rufe, die aus einer Truhe zu kommen scheinen. Als dann plötzlich ein mysteriöser Mann in Leder­jacke mit Leopar­den­fell­kragen vor der Tür steht und nach einer alten Holz­figur aus der Villa fragt, steckt Nico­demus schon, ohne es zu wissen, mitten im größten Aben­teuer seines Lebens! Welches Geheim­nis verbirgt sich nur in diesem uralten Haus?

Eine spannende Geschichte über Mut, Freund­schaft und Zusammen­halt über alle Grenzen hinweg.

ISBN

978-3764151478

Verlag

Ueberreuter

Preis

12,95 €

Alter

9+

Die Mitternachtsschule - erste Stunde Geisterkunde

Titelbild Die Mitternachtsschule - erste Stunde Geisterkunde

„Lieber Milan, willkom­men an der Schule am Friedhofs­winkel! Bitte bringe etwas zum Schreiben und einen kleinen Imbiss mit, der für Deine Art verträglich ist (lebende Maden und Würmer sind im Schul­gebäude nicht erwünscht). Schul­beginn ist heute um Punkt Mitternacht.‟ Handelt es sich um einen Scherz? Warum sollte Milans neue Schule zu nacht­schla­fender Zeit anfangen? Doch als er sich pünkt­lich um Mitter­nacht am Friedhofs­winkel einfindet, wird ihm schnell klar, wieso: Seine neue Schule ist eine Monsterschule und er der einzige Mensch unter Vam­piren, Irr­lichtern, Ghulen und Nebel­geistern! Wie lange wird Milan wohl unent­deckt bleiben?

Die monstermäßig starke Schulgeschichte!

ISBN

978-3-7641-5157-7

Verlag

Ueberreuter

Preis

12,95 €

Alter

8+

Die Mitternachtsschule - Lektion zwei: Sirenenschrei

Titelbild Die Mitternachtsschule - Lektion zwei: Sirenenschrei

"Ich komme morgen auch in die Schule", erklärte Milans Vater. Milan verschluckte sich fast an seiner Suppe. "Was tust du, bitte?", fragte er.

Die Mitternachtsschule besuchen nur Nachtwesen. Und Milan, als einziger Mensch! Er möchte seine Monsterfreunde auf keinen Fall wieder verlieren. Sein Vater darf also nichts von den Eigenarten der Schule erfahren. Aber dann wird ein Mitternachtskonzert geplant und alle Eltern sind eingeladen ...

Der gruselig gute zweite Band!

ISBN

978-3-7641-5186-7

Verlag

Ueberreuter

Preis

12,95 €

Alter

8+

Die Mission der tollkühnen Bücher

Titelbild Die Mission der tollkühnen Bücher

Eine schräge Abenteuergeschichte mit besonderen Helden: Büchern!

Sie leben unerkannt in den Regalen von Bibliotheken und Buchhandlungen: die Buchagenten! Es sind lebendige Bücher, die sprechen und sogar laufen können. Von ihrem Hauptquartier, einem alten Antiquariat, aus wachen sie über ihre schlafenden Buchgeschwister und beschützen die Bücherwelt vor jeder kleinsten Gefahr. Doch eine ungeahnte Bedrohung sucht die Buchheit heim: Der geheimnisvolle „Zensor“ treibt sein Unwesen und liest immer mehr Bücher leer. Und dann wird auch noch das Oberhaupt der Buchagenten, Tabula Smaragdina, entführt! Nun ist es an drei chaotischen Jung-Buchagenten, Smaragdina und sämtliche Bücher auf der Welt vor dem Vergessenwerden zu retten!

ISBN

978-3-7641-5173-7

Verlag

Ueberreuter

Preis

12,95 €

Alter

8+

Die zweite Mission der tollkühnen Bücher

Titelbild Die zweite Mission der tollkühnen Bücher

Nach dem erfolgreichen ersten Band: ein neues Abenteuer mit den lustig-schrägen Buchhelden ab 8 Jahren! Kommt mit auf eine wilde Reise über das Tintenmeer, zu den Fehlerteufeln und durch die Berge von Literatur:

Die Buchagenten mit und ohne Einband sind wieder auf Mission! Aus der antiken Buchausstellung ist eine römische Buchrolle verschwunden. Doch sie ist gar nicht gestohlen worden … sie ist ausgebrochen! Es handelt sich um den fiesen Liber Veneficiorum und er hat einen teuflischen Plan: Er will die mächtige Feder des Thot stehlen und die gesamte Buchheit damit beherrschen. Können ihn die Buchagenten stoppen?

Eine neue herrlich-verrückte Abenteuergeschichte rund um die lebendigen Bücher – mit fantastischen, farbigen Illustrationen und Buchagententest!

ISBN

978-3-7641-5204-8

Verlag

Ueberreuter

Preis

12,95 €

Alter

8+

Schwarzes Glas - die Reise in die Zwischenwelt

Titelbild Schwarzes Glas - die Reise in die Zwischenwelt

Plötzlich entdeckt der 13-jährige Elias durch seine Handykamera Dinge, die mit bloßem Auge nicht zu sehen sind: ein Hochhaus mit flackernden Lichtern, das nie gebaut wurde. Flügelflossen, die aus dem Rücken einer Mitschülerin wachsen. Und Hörner auf seinem eigenen Kopf? Er sucht nach Antworten – und stößt auf eine verborgene Parallelwelt voller schillernd bunter Schwellenwesen. Eine Welt, aus der Elias einen digitalen Hilferuf bekommen hat. Denn der ehrgeizige Herr der Spiegel droht die Zwischenwelt zu schwarzem Glas erstarren zu lassen …

ISBN

978-3-7641-5165-2

Verlag

Ueberreuter

Preis

14,95 €

Alter

11+

Sachbücher

Die beste Schule für mein Kind – Freie Schulen: Waldorf, Montessori und Co.

Titelbild Die beste Schule für mein Kind – Freie Schulen: Waldorf, Montessori und Co.

(zusammen mit Lucinde Hutzenlaub und Petra Plaum) Jedes Kind ist anders – und jede Mutter, jeder Vater wünscht sich für das eigene Kind das best­mögliche Lern­umfeld für einen guten Start ins Leben. Doch an Deutsch­lands Regel­schulen läuft vieles falsch: über­füllte Klassen­räume, kleine Budgets, über­arbei­tete Lehrer – und kaum indivi­duali­sierte Förderung. Es gibt jedoch Alter­na­tiven: zehn Prozent aller Schulen in Deutsch­land sind in freier Träger­schaft, Tendenz steigend. Was muss man sich unter Namen wie Waldorf, Montessori, Konfes­sions­schule, inter­natio­nale Schule oder Freie Aktive Schule vor­stellen? Welche Vorteile einer­seits, Heraus­for­derungen und Risi­ken anderer­seits bringen Schulen mit reform­päda­go­gischem Konzept mit sich? Und vor allem: Wie finden Väter und Mütter die Schule, die zu ihrem Kind und zur ganzen Familie am besten passt?

Dieser Ratgeber gibt endlich Ant­wor­ten auf die drängen­den Fragen der Eltern: Wie sieht der Schul­all­tag in Alter­na­tiv­schulen aus? Was kommt auf die Eltern und ihr Kind zu? Welches Menschen- und Weltbild steckt hinter den verschie­denen Schul­typen? Die AutorInnen vermit­teln Insider­infor­ma­tionen und schöpfen aus der Exper­tise einiger der gefrag­testen Bildungs­forscher der Welt. Eine lange über­fällige Entschei­dungs­hilfe für alle Eltern!

ISBN

978-3959101264

Verlag

Eden Books

Preis

14,95 €

Kurzgeschichten

Für Halloween 2020 gibt es hier eine bislang noch unveröffentlichte Kurzgeschichte, die ich vor einer gefühlten Ewigkeit geschrieben (und nur leicht überarbeitet) habe:

(Achtung! Das ist eine Geschichte für erwachsene LeserInnen!)

Seelenmarkt

Träge rollten die Glockenschläge von St. Ambrosius über die Dächer der Stadt. Georg zählte leise mit. Nach fünf Schlägen fielen die helleren, blechernen Glocken von St. Aegidius mit ein. Georg zählte weiter. Das mächtige Dröhnen des Remigius-Domes wallte auf, wie üblich fast zeitgleich mit der kleinen Glocke der Pelagia-Kapelle drüben am Stiftshospital.

Georg wartete, bis die letzten Glockenschläge verklungen waren, den Körper auf seine Hellebarde gestützt, die Laterne auf einem Sims an einer Häuserecke abgestellt. Zwölf Schläge von jeder der vier Kirchen der Stadt. Mitternacht. Als das Spiel der Glocken verklungen war und sich die stumme Herbstnacht wieder über ihn gelegt hatte, verharrte Georg noch immer und lauschte. Wenige Herzschläge später drang ein weiterer Glockenklang an sein Ohr, so fern und gedämpft, dass wohl schon das Geräusch seiner Schritte genügt hätte, um ihn zu übertönen. Die fünfte Glocke, wie Georg sie für sich nannte.

Vier stolze Glockentürme erhoben sich über der Stadt, und Georg konnte ohne nachzudenken jeden einzelnen nach einem einzigen Schlag seines Läutwerks benennen, seit er dem alten Hartman als Nachtwächter zur Hand ging. Doch woher der Klang der fünften Glocke kam, hatte er bislang nicht ergründen können, so oft er sie auch schon durch die Nacht hatte hallen hören.

Nachdem ihr letzter Ton verklungen war, setzte Georg seinen Rundgang fort. Vom Rathausplatz mit seinem leise plätschernden Brunnen folgte er der Magistratsgasse hinunter in Richtung Südtor. Immerhin hatte er inzwischen herausgefunden, dass die fünfte Glocke nur in wenigen, besonderen Nächten zu hören war – in lichtlosen Neumondnächten wie dieser. Die steilen Giebel der Fachwerkhäuser ragten wie schwarze Kapuzengestalten um ihn herum auf, die oberen Stockwerke so weit nach vorne geneigt, dass kaum eine Spur von Sternenlicht in die Schatten der Gasse fiel. Der alte Hartman hatte ihn vor solchen Nächten gewarnt. Der unerschütterliche Nachtwächter, der weder Diebe noch Feinde noch Feuersbrunst fürchtete und stets mit glimmender Pfeife durch die Gassen zu stapfen pflegte, hatte in den Neumondnächten sogar ihren Rundgang verändert. Den Rundgang, den ein direkter Erlass der gestrengen Ratsherren ihnen auferlegt hatte! „Meide bei Neumond den Drachentötermarkt, Junge“, hatte der alte Hartman in seinen grauen Bart gemurmelt, die Pfeife schief im Mundwinkel, „Es ist besser so. Für dich und alle, die unter ihren Dächern schlafen.“

Das hatte Georg nie verstanden. Warum ausgerechnet den Drachentötermarkt mit seinen schmucken Patrizierhäusern, der alten Marktwaage und der Brunnenfigur, die seinen Namenspatron im Kampf gegen einen steinernen Lindwurm zeigte? Wenn Georg die Wahl gehabt hätte, dann hätte er den Kirchhof von St. Ambrosius gemieden, wo die hohen Grabsteine wie stumme Geister über die Mauer starrten, und zwar in jeder Nacht! Hier pflegte der alte Hartman ungerührt an der Friedhofsmauer entlang zu wandeln, ohne auf die ängstlichen Blicke seines jungen Gehilfen zu achten. Doch in all den Jahren hatte er sich nie bei Neumond auf den Drachentötermarkt gewagt.

Georg bemerkte, dass er sich den alten Hartman an seine Seite wünschte. Ein plötzliches Fieber hatte den greisen Nachtwächter am Vortag befallen und ans Bett gefesselt, so dass Georg gezwungen war, allein seinen Rundgang zu gehen. Die nächtliche Sicherheit der Stadt lag in seiner Hand. Wenn irgendein Unheil durch die Gassen schleichen sollte, war es einzig an ihm, die braven Bürger zu schützen. Der Schaft der Hellebarde lag schwer in seiner Rechten, schwer wie die Verantwortung für einen vielhundertfachen sicheren Nachtschlaf.

Nun hatte er jene Kreuzung erreicht, wo die Magistratsgasse auf die Knochenhauerstiege traf. St. Ambrosius lag direkt in seinem Rücken, St. Aegidius irgendwo vor ihm am Viehmarkt. Zur Rechten ging es die Stiege hinab in Richtung auf das Spital mit seiner Kapelle, während zur Linken der Turm von St. Remigius schwarz und klobig über die Dächer schaute. Der alte Hartman pflegte an dieser Stelle stets kurz innezuhalten und sich zu bekreuzigen: „Dies ist ein besonderer Ort, Junge. Der Mittelpunkt des Kreuzes, das unsere Kirchen über die Stadt schlagen. Vergiss das niemals.“

Georg hatte es immer seltsam gefunden – so viele Leute gingen bei Tage über diese Kreuzung und kümmerten sich nicht um ihre Bedeutung, falls sie ihnen überhaupt aufgefallen war. Doch jetzt, allein in einer Neumondnacht, ertappte er sich dabei, wie er ebenfalls kurz verharrte und es dem Alten gleichtat. Was konnte es schon schaden... Seine Hand berührte zum Abschluss flüchtig das Holzkreuz, das er um den Hals trug. Es war dem heiligen Drachentöter geweiht und würde ihn gewiss in jeder Gefahr beschirmen.

Dann setzte er seinen Rundgang fort, weiter den Doppeltürmen von Aegidius entgegen. Er kam nun an jenen breiten, selbstgefälligen Giebeln vorüber, wo die Reichen und Mächtigen der Stadt ihre Stellung durch eine besonders prachtvolle Häuserfront an der Magistratsgasse zur Schau zu stellen pflegten. Hier waren oft noch in tiefer Nacht einzelne Fenster erleuchtet, wenn ein einsamer Handelsherr verbissen über seinen Zahlenkolonnen brütete. Doch heute lag alles in Dunkelheit. Die Menschen hatten sich in den Schutz ihrer Betten zurückgezogen.

Vor einer der behäbigen Fronten wechselte Georg unwillkürlich die Straßenseite, um sie mit einem möglichst großen Abstand zu passieren. Das Haus lag im Dunkeln, doch Georg wusste, dass von den Balken der oberen Stockwerke ein ganzes Heer von geschnitzten Fabelwesen, Totenschädeln und Dämonenfratzen auf ihn herab grinste. Das Eingangsportal zierte ein bauchiges Pentagramm in Silber. Hier lebte Meister Cenodoxus, der Goldmacher. Der Hexenmeister, wie manche den greisen Alchemisten hinter vorgehaltener Hand nannten. Für Georg war sein Stadthaus ein ähnlich unerfreulicher Ort wie der Kirchhof von St. Ambrosius. Aus der Dunkelheit schienen ihn die Blicke unzähliger geschnitzter Augenpaare regelrecht zu durchbohren.

Ein klapperndes Geräusch drang von Meister Cenodoxus’ Haus zu ihm herüber. Der Schlüssel wurde im Türschloss gedreht! Georg war stehen geblieben und starrte mit klammer Faszination auf das Portal. Gleich würde sich ein Türflügel öffnen und das silberne Pentagramm in zwei Hälften zerteilen. Er reagierte, noch ehe es dazu kam: Mit einigen raschen Schritten zog er sich in eine Toreinfahrt zurück und verbarg das Licht der Laterne unter seinem Mantel. Knarrend schwang der Türflügel auf. Eine schmale Gestalt mit einem schwarzen Kapuzenumhang huschte auf die Straße hinaus. Als sie sich umwandte, konnte Georg einige blonde Haarsträhnen unter ihrer Kapuze aufblitzen sehen. Sein Herz schlug schneller. Das musste Agnes sein, die junge Gehilfin von Meister Cenodoxus! Er hätte sie noch in viel tieferer Dunkelheit erkannt. Agnes, die spröde Grüblerin mit dem Gesicht eines bleichen Engels... So oft hatte Georg sich schon vorgenommen, sie am Sonntag nach dem Kirchgang anzusprechen, wenn die ganze Stadt vor dem Domportal durcheinander schwatzte. Doch er hatte sich nie dazu durchringen können ...

Agnes blickte sich rasch um und eilte dann die Gasse hinunter, in Richtung Viehmarkt. Georg schaute ihr hinterher. Was trieb sie zu dieser Stunde im Dunkel der Nacht? Hatte der alte Cenodoxus sie zu einer Besorgung ausgeschickt, die das helle Tageslicht scheute? Oder traf sie sich gar heimlich mit einem Liebsten?

Georg löste sich aus den Schatten der Toreinfahrt. Sein Rundgang würde ihn eh in diese Richtung führen, und es konnte gewiss nicht schaden, wenn er ein Auge auf das nächtliche Treiben in der Stadt hatte... Er hielt seine Laterne weiterhin unter dem Mantel verborgen und folgte ihr so leise, wie es seine sperrige Hellebarde eben zuließ. Am Zunfthaus der Wollweber bog Agnes’ verhüllte Gestalt schließlich nach links in die Krumme Gasse ab. Georg runzelte die Stirn. Die Krumme Gasse führte direkt auf den Drachentötermarkt zu... Er beschleunigte seine Schritte und bog ebenfalls um die Ecke.

Agnes war ein ganzes Stück vor ihm – gleich würde sie jene scharfe Biegung passieren, die der Krummen Gasse ihren Namen verliehen hatte. Dahinter gab es keine weiteren Seitengassen mehr bis zum Drachentötermarkt. Aber sie konnte doch nicht... Georg setzte ihr hastig nach. Mit einem hässlichen Klappern streifte seine Hellebardenspitze das Ladenschild von Schneidermeister Meckler, das über der Gasse an seinen Scharnieren knarrte. Agnes fuhr zusammen. Sie wandte sich um, noch ehe Georg sich ein neues Versteck suchen konnte. Obgleich er die Schatten unter ihrer Kapuze nicht zu durchdringen vermochte, spürte er ihren bohrenden Blick.

„Wer ist dort?!“ Ihre Stimme klang eher fordernd als ängstlich. Georg fühlte sich ertappt und wäre am liebsten wie ein nächtlicher Geist mit der Dunkelheit verschmolzen. Stattdessen zwang er sich zu einer strafferen Haltung, gab das Licht seiner Laterne frei und ging einige feste Schritte auf Agnes zu, den Schaft seiner Hellebarde selbstbewusst auf das Pflaster aufsetzend.

„Der Nachtwächter! Was treibt Ihr zu so später Stunde auf der Straße?“ Georg war froh, dass er sich hinter seinem Mantel mit dem Abzeichen der Stadt verstecken konnte. Nun hatte er tatsächlich einige erste Worte an Agnes gerichtet – es war eine jener Phrasen gewesen, die er dem alten Hartman von den Lippen abgeschaut hatte. Sein Gegenüber streifte die schwarze Kapuze zurück und gab den Blick auf die blonde Mähne frei, die Georg schon darunter erahnt hatte. Im Licht seiner Laterne wirkte Agnes’ hochwangiges Gesicht besonders bleich. „Georg? Bist du das?“

Alle Sicherheit, die Amt und Hellebarde ihm verliehen hatten, war mit einem Schlag dahin. Sie kannte seinen Namen! „Ja“, krächzte er, „ich bin heute allein im Dienst. Der alte Hartman ist krank. Ich habe dich aus dem Haus kommen sehen...“ Irgendwie fühlte er sich verpflichtet, sich zu rechtfertigen.

Agnes nickte nur knapp: „Verstehe. Ich habe etwas für Meister Cenodoxus zu erledigen. Natürlich nichts, was an den Gesetzen der Stadt kratzt oder den Nachtwächter beunruhigen müsste. Du kannst also ruhigen Gewissens deine Runde weiter abgehen, Georg.“

Sie streifte sich wieder die Kapuze über und wandte sich zum Gehen. Georg trat einige Schritte vor, bis er zu ihr aufgeschlossen hatte: „Warte! Du kannst da nicht langgehen. Nimm lieber einen anderen Weg!“

„Das ist genau der Weg, den ich gehen muss, Georg.“

Nun hatte sie die Krümmung der Krummen Gasse fast soweit umschritten, dass der Blick auf den Drachentötermarkt offen lag. Georg griff nach ihrer Schulter: „Agnes...“ Es fühlte sich eigentümlich an, ihren Namen auszusprechen. „Hartman hat mich immer wieder vor dem Drachentötermarkt bei Neumond gewarnt – und niemand kennt die nächtliche Stadt so gut wie er!“

Agnes blieb stehen und schaute ihn nachdenklich an. Dann lächelte sie schmallippig: „Du hast einen klugen Meister, Georg. Es ist tatsächlich nicht geheuer dort. Du tust gut daran, den Markt heute zu meiden. Ich jedoch werde genau dorthin gehen.“

Sie streifte seine Hand ab. Georg wagte nicht weiter zu widersprechen. Er schaute kurz aufs Kopfsteinpflaster. Dann raffte er sich auf: „Es ist meine Aufgabe, die Bürger zu beschützen! Ich... werde dich begleiten.“

Agnes schaute ihm direkt in die Augen: „Ich gehe an einen gefährlichen Ort, Georg. Wenn du mich begleitest, kann es leicht geschehen, dass du Schaden nimmst, und das nicht nur an deinem Leib. Folge lieber weiter deinem Rundgang.“

„Du kannst mir nicht verbieten, mitzukommen!“, erwiderte Georg trotzig. „Immerhin wache ich heute über die Sicherheit der Stadt, auch über deine!“

Sie fixierte ihn weiter: „Willst du das wirklich auf dich nehmen, Georg? Wirst du mich aus freiem Willen zum Drachentötermarkt begleiten?“

Georg schluckte trocken. So eindringlich hatte ihn noch nie zuvor jemand angesehen. Er presste all seine Überzeugung zu einer Antwort zusammen: „Ja.“

„Dann lass uns gehen.“ Agnes lächelte in sich hinein, während sie sich endgültig in Richtung Drachentötermarkt wandte. Gemeinsam gingen sie die letzten Schritte, bis sie die Krümmung der Gasse umrundet hatten und der offene Marktplatz vor ihnen lag.

Der Platz war erfüllt von nächtlichem Treiben. Rund um den Drachentöterbrunnen waren etliche Marktstände aufgebaut, zwischen denen schattenhafte Gestalten herumstreiften. Bei der Marktwaage hatte sogar ein Trupp Gaukler Aufstellung genommen, Georg glaubte einen Jongleur zu erahnen. Ein Wimmeln und Drängeln wie zu einem Markttag im hellen Sonnenschein, doch mitten in der finsteren Nacht. Und fast völlig lautlos – statt dröhnender Marktschreier, schwatzender Bürger und lärmender Kinder vernahm Georg nur ein allgegenwärtiges, gedämpftes Flüstern und Zischen.

Agnes berührte ihn am Arm: „Komm. Wir müssen zum Marktvogt.“

Sie zog ihn mit sich auf den Platz hinaus. In seinen Beinen hatte sich klamme Kälte breit gemacht. Nun begriff er die Warnungen des alten Hartmans nur zu gut! Mit schweißnassen Fingern hielt er den Schaft seiner Hellebarde umklammert, während er neben Agnes her ging. Die schattenhaften Marktbesucher schienen sie zu ignorieren. Georg zwang sich, einen näheren Blick auf einen der Marktstände zu werfen.

Der Händler war ein großer, dicker Mann mit einem Vollbart, der tiefgrün und algig auf seine Brust herabhing. Er stand mitten in einer Pfütze, in die beständig Wasser von seiner Kleidung tropfte. Auf dem Tisch vor ihn waren einige Dutzend kleiner, weißglasierter Tongefäße ausgebreitet, hübsch mit Blumenmustern bemalt und jedes einzelne säuberlich mit einem Deckelchen versiegelt. Noch während Georg auf die Auslage starrte, begann einer der Deckel sich klappernd zu regen. Eine dünne Stimme drang an Georgs Ohr: „Menschenaugen! Ich spüre ihren unschuldigen Blick... Hilf mir, Mensch! Befreie mich vom ewigen Ertrinken, im Namen...“

Die fleischige Hand des Händlers senkte sich auf das Töpfchen und brachte die Stimme zum Verstummen. Schwimmhäute spannten sich zwischen ihren Fingern.

Georg wandte sich erschaudernd ab. Sein Blick fiel auf drei alte Weiber, die am Rande des Marktplatzes um einen Kessel hockten – klapperdürre Gestalten mit Nasen wie Krähenschnäbel und Fingern wie Vogelklauen. Gerade reichte eine Meerkatze mit kleinen, tückischen Augen einer von ihnen ein Fläschchen an. Die Alte nahm es gierig entgegen und riss den Korken mit den Zähnen ab. Dann ließ sie den Inhalt in den Kessel gleiten. Es war keine Flüssigkeit, sondern ein hauchzarter, weißer Nebel. Er gab einen leisen Klagelaut von sich, ehe er zischend in der Brühe im Kessel aufging. Die drei Alten kicherten meckernd, die Meerkatze schwenkte wie im Rausch die langen Arme.

Entsetzt taumelte Georg fort. Er stolperte fast in eine Marktbesucherin hinein. Es war die Gevatterin Stenhardt, die Witwe eines reichen Patriziers, der angeblich die halbe Stadt Geld schuldete. Sie ging seelenruhig mit ihrer schwarzen Witwenhaube über das mitternächtliche Markttreiben, als betriebe sie ihren Vormittagseinkauf. Bei Georgs Anblick schmunzelte die Gevatterin in sich hinein. Georg starrte auf den Mann an ihrer Seite: der alte Stadtbüttel Knüterich, ein hagerer Mann mit verkniffenen Mundwinkeln, dessen Geißel beim Bettelvolk gefürchtet gewesen war. Es waren nicht viele Tränen geflossen, als man ihn im letzten Winter zu Grabe getragen hatte.

Agnes stieß Georg an. „Reiß dich zusammen!“, zischte sie ihm ins Ohr. „Hier ist heute Volk unterwegs, mit dem man nicht aneinandergeraten sollte!“

„Agnes, was ist das für ein Ort?“ Seine Stimme war kaum mehr als ein trockenes Flüstern.

„Der Drachentötermarkt“, entgegnete Agnes ungerührt. „Nur dass hier heute mit anderen Dingen als Geflügel und Suppenkraut gehandelt wird. Nun komm! Du wurdest gewarnt.“

„Aber was suchst du hier bloß?“

„Ich habe für Meister Cenodoxus eine Besorgung beim Marktvogt zu erledigen. Da vorne bei der Marktwaage ist es schon.“

Sie zog Georg weiter mit sich. Dieser hielt den Blick auf das Straßenpflaster vor sich gesenkt; nur nicht zu viel von alledem mitbekommen... Die zischenden Stimmen der Handelnden drangen trotzdem zu ihm durch:

„...drei aus dem Moor für deinen dicken Pfaffen, das ist mein letztes Gebot...“

„...für reine Unschuld muss ich dir das Siebenfache berechnen, das ist seltene Ware...“

„...altes, adliges Geblüt mit dem süßen Bouquet der Blutschande! Kommt und kauft!“

Nun passierten sie den Gauklertrupp an der Waage. Georg konnte es sich nicht verkneifen, einen Blick auf den Jongleur zu werfen. Es war eine kleine, drahtige Gestalt mit einer Schnabelmaske aus schwarzem Leder. Sie hatte den Oberkörper zurückgebogen, um sieben flirrende Kugeln gleichzeitig in der Luft zu halten. Georgs Knie wurden weich, als er näher hinschaute: Die Jonglierkugeln waren bleiche Totenschädel, die von innen heraus mit fahlem Schimmer leuchteten. Während sie im nimmerendenden Reigen durch die Hände des Jongleurs glitten, glaubte Georg ein leises, klagendes Singen aus ihrer Richtung zu vernehmen.

Seine Hand schloss sich um das Holzkreuz an seiner Brust. Hilfesuchend schaute er zur Figur des Drachentöterbrunnens hinüber, immerhin sein Namenspatron ... Doch St. Georg stand nicht länger wie gewohnt mit erhobener Lanze über dem Drachen, der sich als erbärmliche Schlange unter den stählernen Stiefeln seiner Rüstung wandt. Stattdessen hatte sich der steinerne Lindwurm mit stolz ausgebreiteten Schwingen über den gestürzten Ritter erhoben, die Klaue drohend zum finalen Streich ausgestreckt. Georg spürte Tränen in seinen Augenwinkeln.

„Nun komm schon, mein Beschützer, gleich sind wir da!“ Agnes deutete zu einem schwarzen Zelt hinüber, das man direkt neben der Marktwaage aufgeschlagen hatte. Davor stand ein Gerüst aus vier langen Balken, in deren Mitte groß und bauchig eine Marktglocke hing. Die fünfte Glocke ...

Dann hatten sie das Zelt auch schon erreicht. Die Plane war zurückgeschlagen und gab den Blick auf das Innere frei: ein Tisch voller Papiere - lange Zahlenkolonnen, besiegelte Urkunden und andere Dokumente, umgeben von Kisten, Truhen und Säcken. Hinter dem Tisch stand ein hochgewachsener, gertenschlanker Mann, der ein kostbares Wams aus schwarzem Samt mit roten Borten trug, dazu passend ein kleines Barett auf dem dunklen, halblangen Haar. Der Marktvogt.

Seine hellwachen Augen wanderten geschäftig die Zeilen einer Handelsliste entlang, während er sich ab und an nachdenklich über das Spitzbärtchen strich. Unzählige Ringe mit schwarzen und roten Steinen zierten seine schlanken, gepflegten Finger. Georg musterte den Marktvogt misstrauisch von Kopf bis Fuß, doch konnte er nichts Ungeheuerliches an dem Mann erkennen. Einfach nur ein stattlicher Junker von Adel ...

„Herr Marktvogt?“ Agnes’ Stimme klang belegt.

Sofort löste sich der Vogt sich von seinen Papieren. Mit einem verbindlichen Lächeln umrundete er den Tisch. „Agnes, mein Lämmchen!“

Er sprach mit dunkler, samtweicher Stimme. Als er direkt vor ihr stand, zog er sein Barett für eine vollendete Verbeugung. Eine Hahnenfeder zierte den Hut. Agnes setzte zu einem kleinen Knicks an, musste dabei jedoch um ihr Gleichgewicht kämpfen.

„Nicht so nervös, mein Kind.“ Der Marktvogt strich ihr sanft über die Wange. „Was kann ich für die Schülerin des alten Cenodoxus tun?“

„Ich soll euch das hier überbringen. Mit den besten Grüßen von meinem Meister.“

Sie zog ein Bündel Papiere unter ihrem Mantel hervor und überreichte sie dem Vogt.

„Ah, die Schuldbriefe vom letzten Jahr... Lauter lukrative Verträge, sehr schön. Du darfst meinen gnädigsten Dank bestellen.“

Er warf das Bündel achtlos über seine Schulter. Es landete zielgenau auf einem der Stapel. Agnes nahm den Dank mit einem weiteren Knicks entgegen und blieb dann stumm vor ihm stehen.

„Ist noch etwas, mein Lämmchen?“, fragte der Vogt ein wenig ungeduldig.

„Ich möchte euch noch einen Handel in eigener Sache vorschlagen, Herr Marktvogt.“ Ihre Stimme klang beinahe fest und neutral, doch Georg glaubte ein gewisses Beben herauszuhören.

„Ein eigener Kontrakt?“ Der Vogt klang schon interessierter.

„Nein! Jedenfalls... noch nicht.“ Agnes schaute auf ihre Hände. „Ich wünsche euch etwas abzukaufen. Es geht um einen alten Hexenmeister namens Klingschor, dessen Werke ich seit einiger Zeit studiere... Er müsste sich schon länger in eurem Gewahrsam befinden.“

„Um einen Geistermentor geht es dir also. Nun, ich bin dafür bekannt, stets zu verneinen, und das gilt insbesondere für Geschäfte zu meinem Nachteil. Für den alten Klingschor müsstest du meinem Marktvolk schon einiges zu bieten haben.“

„Das habe ich, Herr Marktvogt.“

Georg warf Agnes einen prüfenden Seitenblick zu. Sie wirkte jetzt sicherer. Was hatte das zu bedeuten?

„Mal sehen...“

Der Marktvogt wandte sich einem seiner Stapel zu und zog mit einem einzigen Griff zielsicher ein bestimmtes Dokument hervor. Murmelnd überflog er die Buchstaben: „Ah ja... Klingschor hat seinen Kontrakt damals mit Samiel geschlossen. Also ist er Samiels Sache. Heda, Samiel, komme er hervor!“

„...’bin schon da, mein Junker!“

Georg fuhr zusammen, als die krächzende Stimme direkt hinter ihm erklang. Eine gedrungene Gestalt drängelte sich an ihm vorbei, um sich kurz vor dem Marktvogt zu verbeugen. Es war ein abgerissener Hausierer mit einem Bauchladen, der filzige Bart ungepflegt, die lauernden Augen von einer breiten Hutkrempe beschirmt.

Georg beugte sich ein wenig vor, um einen Blick auf die Waren des Hausierers erheischen zu können. Es waren Särge. Winzige Totenladen von der Länge einer Handfläche, zu Dutzenden übereinandergestapelt. Manche der winzigen Sargdeckel knarrten und klapperten, als versuche etwas sie von innen aufzustoßen. Wieder glaubte Georg diese gequälten, dünnen Stimmen zu hören:

„...lasst mich heraus! Ans Licht, ans Licht...“

„...Ewigkeit! Wie lang ist die Ewigkeit...“

Er klammerte sich krampfhaft an seiner Hellebarde fest.

„Nun, Meister Samiel – diese junge Dame hat dir ein Geschäft vorzuschlagen. Es geht um den alten Klingschor ...“

Der Hausierer lachte rau auf, als der Marktvogt den Namen erwähnte: „Oh ja! Einer meiner Lieblinge... und wie amüsant er ist... Er kann sich einfach nicht in den Lauf der Dinge einfügen, wahrscheinlich wird er in tausend Jahren noch herumkeifen. Hört selbst!“

Er zog einen seiner winzigen Särge hervor und trommelte mit dem Knöchel seines Zeigefingers ein wenig auf dem Deckel herum. Sofort erklang eine gepresste Stimme: „Hör auf damit, sofort! Ich gebiete es dir dreifach und siebenfach, bei den Mächten, die mir gefügig sind...“

„Ist das nicht herrlich?“, gluckste der Hausierer, „Er begreift es einfach nicht!“

Agnes war blass um die Nasenspitze geworden. Dennoch trat sie einen entschlossenen Schritt vor: „Meister Samiel – ich schlage euch einen Tauschhandel vor. Überlasst mir den Hexenmeister Klingschor, auf dass ich aus seinen dunklen Worten lerne, und ihr erhaltet von mir eine junge, unschuldige Seele im Gegenzug.“ Sie wandte sich Georg zu. „Dieser Jüngling soll euch gehören. Dreimal habe ich ihn gewarnt, und doch kam er aus freien Stücken und ohne Zwang mit mir auf den Seelenmarkt.“

Scheppernd ließ Georg seine Hellebarde fallen. Nun begriff er endlich ... Die Tontöpfchen, die Särge, die klagenden Totenschädel ... Bald würde er sich in den gepeinigten Reigen einreihen ... Hätte er nur auf den alten Hartman gehört!

„Hm, Klingschor ist mir schon einiges wert“, brummte der Hausierer, „Aber lass mal sehen, Mädel ... Der Kerl sieht wirklich unschuldig wie ein tapsiges Kalb aus, könnte auch lustig sein ... Maul auf, Junge!“

Zu seinem Entsetzen bemerkte Georg, dass plötzlich ohne sein Zutun sein Mund offenstand, während er gleichzeitig nicht einmal den kleinen Finger regen konnte.

„Weiter auf! Ich will nicht deine Zähne sehen, sondern was dahinter liegt ...“ Der alte Hausierer war ganz dicht an ihn herangekommen. Georgs Blick wanderte zu Agnes, die die Szene fasziniert beobachtete. Sie erwiderte ihn: „Ich hatte dich gewarnt, Georg.“

Georg ... Sein Name, der Name des Drachentöters ... Es war, als hätte Agnes ungewollt einen Bann gebrochen, als sie ihn aussprach. Georg hob langsam und steif die rechte Hand – dann griff er rasch nach dem Holzkreuz an seinem Hals, während der Hausierer immer noch mit seinem Mund beschäftigt war. Ohne nachzudenken presste er das geweihte Kreuz dem Hausierer mitten ins Gesicht. Es gab ein zischendes Geräusch, begleitet von Schwefelgeruch. Der Hausierer stolperte heulend nach hinten und fiel auf den Rücken, wobei sich eine Lawine aus kleinen Särgen über das Pflaster ergoss.

Der Marktvogt schüttelte mitleidig den Kopf: „Samiel, Samiel... Hast du diese alberne Schwäche immer noch nicht überwunden? Na, gib schon her, du Drachentöter!“

Er streckte beiläufig die Hand aus. Das Kreuz löste sich plötzlich von seiner Lederschnur und flog in die Hand des Marktvogts, ehe Georg reagieren konnte. Georg warf panisch seine Laterne nach dem Junker. Dieser deutete mit dem Finger zur Seite, woraufhin die Laterne ihre Flugbahn änderte und in einer Lache aus brennendem Öl auf dem Boden zerschellte.

„Feuer ... ich bin tief beeindruckt“, spöttelte der Marktvogt.

Georg hörte ihm nicht zu. Er hatte sich schon umgewandt und rannte, so schnell ihn seine Beine trugen, quer durch die Menge der Marktbesucher, die seine wilde Flucht ignorierten und weiter ihren finsteren Tauschgeschäften nachgingen.

„Na los, hinterher, Samiel!“, verklang die Stimme des Marktvogts hinter ihm „Dein Geschäft entkommt, mein wackerer Hausierer!“

Schon hatte Georg die Krumme Gasse erreicht und bog mit stolpernden Schritten um ihre scharfe Kurve. Der wimmelnde Drachentötermarkt lag in seinem Rücken, die schlafenden Straßen der Stadt vor ihm. Ihre nächtliche Ruhe erschien ihm jetzt wie blanker Hohn. Immer weiter vorwärts hetzte er, fast hatte er die Kreuzung zur Magistratsgasse erreicht.

„Bleib stehen, Bursche!“, krächzte die Stimme des Hausierers hinter ihm „Du kannst dem alten Samiel nicht entkommen! Schon gar nicht ohne dein lächerliches Holzstöckchen ...“ Das Klackern seiner Schritte kam immer näher.

Georg lief weiter; am Wollweber-Haus scharf um die Ecke und die Magistratsgasse hinauf. Klack-Klack-Klack machten die Schritte des Hausierers hinter ihm. Da vorne lag schon die Kreuzung zur Knochenhauerstiege ...

„Gleich hab ich dich, du törichtes Unschuldskalb!“ Er konnte den Atem des Alten fast in seinem Nacken spüren. Georg hetzte weiter, passierte die Kreuzung, tat noch einige Schritte auf St. Ambrosius zu ... Dann wurde er plötzlich langsamer und drehte sich schließlich um. Eine seltsame, trotzige Ruhe hatte ihn erfasst. Dort kam der alte Hausierer angehetzt, unnatürlich schnell trotz seines gebeugten Rückens. Schon war er die auf große Kreuzung hinausgetreten, nur noch wenige Schritte von ihm entfernt ...

„Du hast es also endlich akzeptiert, Junge. Du bist klüger als Klingschor“, grinste er.

Georg erwiderte seinen Blick mit steinerner Miene: „Ich akzeptiere gar nichts! Schau dich doch mal um: Ambrosius!“ Georg deutete hinter sich. „Aegidius!” Er deutete nach vorne. „Remigius!“ Er deutete nach links. „Und Pelagia!“ Zum Schluss nach rechts.

Der Hausierer blickte fragend um sich. Die Glocke von Ambrosius schlug eins, wie üblich dicht gefolgt von Aegidius, dann die anderen beiden. Der Hausierer begriff endlich, dass er sich auf dem Mittelpunkt eines gewaltigen Kreuzes von der Größe der Stadt befand. Sein wütendes Heulen durchstieß die nächtliche Stille und lief schließlich in ein hündisches Wimmern aus. Wieder dieses hässliche Zischen, diesmal begleitet von schwarzem Qualm, der sich von seinem Körper löste. Innerhalb weniger Herzschläge war der alte Hausierer zu Asche zerfallen.

Klappernd fielen die Särge aus seinem Bauchladen zu Boden und zersprangen zu alten, morschen Holzspänen. Georg glaubte, unzählige silberne Nebelfäden von ihnen aufsteigen zu sehen, die sich mit erleichterten Seufzern verflüchtigten. Dann gaben seine Knie unter ihm nach, und er fiel auf das kalte Kopfsteinpflaster. Das Letzte, was er in dieser Nacht hörte, war der ferne Klang der fünften Glocke. Der Markt war vorbei.

Als am nächsten Tag im hellen Sonnenlicht die Glocken zum Mittag riefen, schlich sich eine einsame Gestalt aus dem Remigius-Tor. Sie schien es eilig zu haben, die umwallte Stadt hinter sich zu lassen, denn sie stolperte verbissen voran, obgleich ihr schwankender Gang von Schwäche gezeichnet war. Hinaus, nur hinaus aufs freie Feld mit seinen Bäumen, Höfen und Windmühlen!

Wenn ein Wandersmann der Gestalt entgegenkam und unter die Kapuze des Mantels mit dem Abzeichen der nahen Stadt schaute, blickte das verhärmte Gesicht eines jungen Mannes an ihm vorbei, umrahmt von schlohweißem Haar. Dann mochte der Wanderer wohl ein Kreuz schlagen und für die arme, verwirrte Seele beten, die beständig vor sich hinmurmelte und wie im Fieber ins Nichts starrte.

Wenn der Wanderer aber kurz darauf der dunklen Gestalt mit dem Bauchladen begegnete, die dicht hinter dem Jüngling die Straße entlang humpelte, wandte er vor Grauen das Gesicht ab, so wütend funkelten die Augen des alten Hausierers unter der Hutkrempe hervor, zwei glühende Punkte in einer grässlichen Landschaft aus zerfurchten Brandnarben. Seine krächzende Stimme hallte weit über die Stoppelfelder: „Nur ruhig, Lämmchen, klapper nicht so mit deinem Deckelchen ... Bald bist du nicht mehr allein, bald läuft der Laden wieder ... Den Kerl dort vorne habe ich noch gut, du hast ihn mir versprochen ... Dann könnt ihr die schwarze Ewigkeit gemeinsam verbringen ...“

Von plötzlichem Grauen erfasst beschleunigte der einsame Wanderer seine Schritte, um möglichst rasch die Stadt zu erreichen, deren feste Mauern Schutz vor jedem Übel versprachen.


Hier gibt es eine Auswahl von Kurzgeschichten, die in verschiedenen Anthologien erschienen sind:

"R.S.O.C." In: Steampunk 1851. Art Skript Phantastik 2013.

"Wie der erste Kaiser der Unicornus-Dynastie geboren wurde" In: Fabienne Siegmund (Hg.): Die Einhörner. Verlag Torsten Low 2012.

"Rose und Flamme" In: Veronika M. Stix (Hg.): Funken, Flammen, Feuerzungen. Fantastische Erzählungen. Mondwolf Verlag 2012.

"Der Auxiliator" In: Corona Magazine 255. Oktober 2011 (erster Platz bei der Ausschreibung "Auf Lebenszeit").

"Onkel Oswalds Erbe" In: Mechthild Zimmermann/Anne Grießer (Hgg.): Eintauchen Abtauchen Auftauchen. ViaTerra Verlag 2011.

"Der Weg des Steinvaters" In: Feuertraum, kühle Lippen. Fantastische Liebesgeschichten. Sphera Verlag 2011.

"Die Mondkorsaren" In: Bernd Walter (Hg.): Mondgeschichten. Freie Redaktion XUN 2011 (erster Platz bei der Ausschreibung "Mondgeschichten").

"Hüter der Almen" In: Veronika M. Stix (Hg.): Berggeister. Fantastische Erzählungen. Mondwolf Verlag 2011.

"Die Vielköpfige" In: inter mundos. Geschichten zwischen den Welten. Candela Verlag 2011.

"Ein Zombie-Idyll" In: Elfenschrift 27. September 2010.